Dienstag, 31. Dezember 2013

500 von 5000

In diesem Blog habe ich 500 von rund 5000 Artikeln und Kritiken archiviert, die ich zwischen 1984 und 2012 in verschiedenen Tageszeitungen veröffentlicht habe - mögen sie auch aus Ihrer Perspektive die Zeit überdauert haben. Viel Vergnügen beim Lesen und Erinnern!

Herzlichst,

Ihr

Martin Paul Gerner (mpg)

Mittwoch, 14. November 2012

50 Jahre Jazzclub in der Mitte



Jazz ist nicht tot:"...er riecht nur etwas seltsam", hat Frank Zappa in den 70ern gespöttelt.

In Reutlingen ist der lokale - für ganz Baden-Württemberg bedeutsame - "Jazzclub in der Mitte" jetzt 50 Jahre jung geworden. Und statt einer mehr oder minder langweiligen Festschrift hat der Club ein Buch zum Jubiläum herausgegeben, das (sehr schön von Peter Bofinger gestaltet) mit VIELEN Bild-Raritäten große und kleine Geschichten über den Jazz in Reutlingen erzählt.

Es ist ein prima Buch geworden - nicht nur wegen meiner vielen Beiträge (*grins* ): "50 Jahre Jazzclub in der Mitte - Reutlingen und der Jazz" erzählt von den (fast privaten) mühevollen Anfängen, von wilden Jazz-Nights, von Beinahe-Weltrekorden - und erinnert an viele hervorragende Konzerte, die hier schon über die Bühne gingen, an so manche großen Stars (wie beispielsweise Ray Brown oder Albert Mangelsdorff), die unprätentiös und ohne viel Federlesens im kleinen Jazzkeller große Kunst ablieferten.
"50 Jahre Jazzclub in der Mitte - Reutlingen und der Jazz" ist im Eigenverlag des Clubs erschienen und auch dort zu haben: http://indermitte.de/

Dienstag, 19. November 2002

Rainer Tempel: Jazzpreis für Spitzen-Jazzer

»Mein Gott, ihr erkennt mich gar nicht wieder«, meinte der Tübinger Pianist, Komponist und Arrangeur Rainer Tempel am Sonntagabend, als ihm im voll besetzten großen Sudhaus-Saal der 18. baden-württembergische Jazzpreis verliehen wurde.

In der Tat verschlug es dem sonst so locker-witzig moderierenden Jazz-»Käpsele« an diesem Abend doch tatsächlich mehrfach vor Aufregung die Sprache. Dabei hat er nicht nur unserer Meinung nach den mit einer für Jazz-Verhältnisse recht ansehnlichen Summe dotierten Preis schon lange verdient: Auch die lediglich fünfköpfige Jury um die Stuttgarter Jazz-Publizistin Gudrun Endress hat jetzt erkannt, dass so jemand wie Tempel, der ja schon als ganz junger Teen und Twen mit der Combo Modern Walkin' für Aufsehen sorgte, ziemlich einzigartig in der deutschen Jazzlandschaft ist.

Speziell für sein Können als Komponist und Arrangeur wurde dem 31-jährigen Jazzer im Sudhaus vor über 160 geladenen, mehr oder minder wichtigen Ehrengästen und vielen Freunden sowie praktisch der gesamten Tübinger Jazzer-Szene vom Landesminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Peter Frankenberg, die Urkunde überreicht.

Vorher spielte der »ungekrönte« Zweitplatzierte, der Karlsruher exzellente Trompeter Thomas Siffling, ein hoch energetisches, hoch spannendes und trotz aller Kontrolle ungemein lässiges Set modernen Jazz, nachher machte Tempel - zwar angespannt und diesmal zunächst alles andere als lässig - wieder einmal mit seiner Bigband klar, warum er den Jazzpreis wirklich verdient hat: Auch die neuen Kompositionen vom »Album 03« brachten ungemein originell komponierten und arrangierten, von Anfang bis Ende spannenden großorchestralen Jazz an die Zuhörer.

Egal, ob »Metropol«, »The Night Comes Down« oder »Soft Wind« -Tempel schaffte es auch hier wieder, Stücke »seinen« treuen Musikerkollegen in der Bigband sozusagen auf den Leib zu schneidern, dem Publikum abwechslungsreiche und intelligente Jazz-Kost zu bieten und dabei eine feine Balance zwischen seinem profunden Wissen um die Bigband-Tradition wie auch seinem ureigenenen, rhythmisch wie harmonisch unverwechselbaren Stil zu halten.

Andere Musiker suchen ein Leben lang nach solcher Klasse, Rainer Tempel hat sie schon, wir haben's immer wieder betont, seit Jahren.

Wohl auch deswegen vereint er in seiner Bigband Spitzenleute wie Mark Wyand, Oliver Leicht, Markus Bodenseh, Gerhard Gschlößl, Siffling und andere Cracks. Wegen dem besseren Fahrtkostenzuschuss (mehr kann bei so einem Jazz-Ensemble nicht rausspringen) alleine würden diese deutschen Edel-Jazzer die Mühen ganz bestimmt nicht auf sich nehmen.

Die vielen Zuhörer im Sudhaus spendeten Rainer Tempel und Co. (als Stargast war wieder mal Trompeter Claus Stötter mit von der Partie) artig bis ehrlich begeistert Applaus. Und beim nächsten Mal bringt Tempel, der im Verlauf der langen und nur in den nicht-musikalischen Teilen stellenweise leer laufenden Veranstaltung dann doch noch ein wenig auftaute, ohne Zweifel sicher auch wieder seine gewohnt kabarettreife Leistung als
Conferencier...
Autor: Martin Gerner

Montag, 22. Juli 2002

AfroBrasil Tübingen 2002: Vibrierendes Samba-Beben

Was haben wir nicht schon für tolle Konzerte auf den Tübinger Viva AfroBrasil-Festivals auf dem Marktplatz erleben dürfen: Unvergessen sind die eindrucksvollen Auftritte von Caetano Veloso, Milton Nascimento, Gal Costa, Martinho da Vila, Carlinhos Brown, Gilberto Gil und vielen anderen Ausnahme-Musikern, die weit über Brasilien hinaus etwas zu sagen haben und die globale Musikszene prägen.

Das früher durchaus erfolgreiche Konzept der Veranstalter, auf dem Festival Musik mit künstlerischem Anspruch und Party-Bands zusammen zu bringen, scheint vergessen. Was sich 2001 schon abzeichnete, wurde dieses Jahr konsequent durchgezogen: Fete pur war das Motto - und statt der früheren Kombination aus grossen Namen und hochinteressanten Neuzugängen gab's diesmal sozusagen weitgehend nur die brasilianischen Ausgaben der Lollies und Konsorten zu hören: Professionell und routiniert gekonnt heruntergespulte Musik ohne viel Anspruch - offensichtlich der richtige
Soundtrack für ein langes Fest und nimmermüde Tanzbegeisterung. -

Der Tübinger Marktplatz füllte sich am Samstag schneller als sonst, obwohl keine der auftretenden Bands hier bekannt ist. Entscheidend für den kommerziellen Erfolg des Festivals, da waren sich die langjährigen Afro-Brasil-Beobachter einig, scheint allein das Wetter zu sein- musikalische Feinheiten sind nicht wichtig und gehen in der Feteneuphorie unter.

Die Banda Papa Uguas mit ihren hübsch anzuschauenden Frontfrauen machte zwar als Aufheizer nette Axe-Musik, hatte aber längst nicht die musikalische Kraft beispielsweise von Timbalada, die ja auch mal als Newcomer ohne Namen in Tübingen auftraten. Die piepsigen Stimmchen der Sängerinnen sind eine detaillierte Beschreibung nicht wert.

Mehr fürs Geld boten da schon die Trommler von Harmonia Do Samba, die mit ihren durchweg zum Tanzen angelegten Songs dem Marktplatz-Publikum am Samstagabend viel Freude machten. Diese jungen Musiker haben zweifelsfrei ein Händchen für eingängige Ohrwürmer.
Musikalisch am ergiebigsten schienen O Rappa. Das Rock-Quintett trat, weil andere Acts ausfielen, am Samstag und am Sonntag auf und gefiel mit einer energischen Mischung aus richtig harter Rockattitüde, Rap, Reggae und eben auch typisch brasilianischen Elementen: Jimi Hendrix' »Foxy Lady« klang richtig aufregend in der Version dieser- nur musikalisch - bösen Buben.

Viele Besucher beschwerten sich über die hohe Lautstärke bei dieser Brasil-Crossover-Band: Noch heftiger als O Rappa wummerte es dann bei Zeca Baleiro am frühen Sonntagabend aus den Boxen.
Der Mann - Gal Costa hat ihn vor Jahren bekannt gemacht - kam mit grosser, perkussionistisch vielschichtig besetzter Band und überraschte mit einer energetischen Mischung aus US-Rock und Brasil-Rhythmen, die bei aller Lautstärke eben doch abwechslungs- und farbenreich war: Ein Cellist fügte, mit technisch bedingter Anlaufzeit, leise Zwischentöne ein. Mit einem Auftritt von Fernanda Abreu ging das Afro-Brasil2002 zu Ende. (mpg)

Montag, 1. Juli 2002

Bang Your Head Balingen 2002: Schwermetaller unter sich

Wir geben's zu, die Geschichte des »Bang Your Head«-Heavy-Festivals ist eine pure Erfolgsstory. Vor sechs Jahren als Insider-Veranstaltung in der Hartmann-Halle in Tübingen-Hirschau gestartet, ist die Veranstaltung des Rottenburger »Heavy, oder was!?«-Fachmagazins zum zweitgrössten Metal-Festival Deutschlands gewachsen.

Auch dieses Jahr strömten die Fans wieder aus ganz Deutschland und darüber hinaus nach Balingen - die Massen, auch wenn insgesamt wohl etwas weniger als 2001 kamen, waren wieder nur in Tausender-Einheiten zu zählen. Lange Haare und schwarze Klamotten der überwiegende Einheitslook im Publikum - das Programm war mit Saxon und Slayer als Hauptgruppen am Freitag und Sonntag musikalisch überwiegend konservativ geprägt: Gerade recht, um die alten Kutten wieder aus der Mottenkiste zu holen.

Die - geschätzt - rund 25 000 Fans feierten wieder (das war bisher bei allen Balinger »Bang Your Head«-Ausgaben so) ein zwar ohrenbetäubend lautes und aus Sicht des Pop-Normalverbrauchers auch musikalisch ziemlich wüstes Fest - aber halt auch ein friedliches. Auch wenn natürlich wieder viel zu viele kräftig über den Durst getrunken hatten, gab es doch beim »BYH 2002« weniger alkoholbedingte Totalausfälle als im Jahr zuvor: Das mässig sommerliche Wetter war geradezu ideal für so ein Festival.

Das »Billing« - szene-neudeutsch für die Liste der auftretenden Künstler und Bands - ging dieses Jahr noch mehr drunter und drüber als gewohnt. Das war nicht unbedingt immer ein Anlass zur Trauer: Die Schweizer von Shakra, die als Ersatz für die Speed-Metaller von Paradox am frühen Samstagmittag auftraten, wären mit Sicherheit auch im Abendprogramm ihren Anteil am Eintrittsgeld (das war vergleichsweise massvoll) wert gewesen und die »deutsche Metal-Queen« Doro, als Ersatz für Magnum eingesprungen, hatte (wieder) keinerlei Probleme, die Fans mit ihrem doch eher kitschigen Sound zu begeistern.

Stichwort »alte Bekannte«: Die Haudrauf-Musiker von Jag Panzer waren wieder mit von der Partie und zeigten unmissverständlicher als 2001, dass sie mit filigranem Heavygitarrengejubel wirklich gar nichts am Hut haben. Iron Savior, ebenfalls schon in der Vergangenheit mit dabei, lieferten am Samstag um die Mittagszeit eine gute Show ab, und die alten Recken von Bonfire um Claus Lessmann (wieder eine »Ersatzband«, diesmal für Symphony X) klangen für viele überraschend gut: Für uns nichts Neues, wir haben sie schon bei ihrem 2000er-Auftritt in Reutlingen und danach in der Region gehört und für gut befunden. Auch in Balingen kümmerten sich die Bonfire-Routiniers wieder geradezu liebevoll darum, ihre Fans in Stimmung zu bringen. Den Preis für den besten Kontakt zum Publikum müssen sie sich mit Gamma Ray teilen.

Als stumme Fische und uninteressiert-gelangweilt präsentierten sich die mit Spannung erwarteten Halford. Nightwish zeigten sich vor den britischen Metal-Opas von Saxon als musikalisch anspruchsvollste Band des gesamten Festivals: Die finnische Band verband höchst komplexe Arrangements mit derbem Ausdruck - so was gab's auf den »Bang Your Head«-Festivals noch nicht oft zu hören.

Die Cover-Band Fozzy, die alte Metal-Hits aus den 80ern gut nachspielte, darf, wenn's nach den Fans geht, ebenfalls wiederkommen. Die beiden Headliner des diesjährigen »BYH«, Saxon und Slayer, wurden zwar von den vielen Fans, die letztendlich nur ihretwegen gekommen waren, mit viel Vorschuss-Jubel empfangen - wer aber die anhaltend frenetische Stimmung bei vergangenen Festival-Hauptkonzerten miterlebt hat, weiss, das diesmal bei beiden Altstar-Bands der Szene die Luft ein wenig raus war. Saxon, einst Aushängeschild des British Metal, hielt sich wacker und kam mit einem Hit-Programm über die Runden.

Und Slayer, die US-Paradiesvögel mit der wilden Show? Die Songs, in Balingen ein wohl nach den Verkaufszahlen ausgewähltes Hitprogramm, klangen glanzlos und heruntergespult, in ihrem Bühnen-Habitus wirkten die vier öfters so, als ob sie sich selbst parodieren wollten - kein Vergleich (wenn der überhaupt erlaubt ist) beispielsweise mit der packenden Show, die »Motörhead« 2000 in Balingen ablieferte.

Insgesamt konnten die Fans aber wieder mit dem Schwermetall-Paket zufrieden sein - die Veranstalter waren's auch, grössere Zwischenfälle sind uns nicht bekannt geworden. Das »Bang Your Head 2003« kann kommen. (mpg)

Montag, 3. Juni 2002

Santana: Viva Santana!

»Viva Santana« heißt ein auch schon wieder kräftig angestaubtes Plattenset, mit dem sich Carlos Santana vor Jahren vom aktiven Pop-Geschäft verabschieden wollte. Der heute 54-jährige amerikanische Gitarrist und Komponist mexikanischer Abstammung hat sich jedoch vor drei Jahren mit dem Platin-veredelten und mit Grammies überhäuften Album »Supernatural« eindrucksvoll zurück gemeldet.

Beeindruckend perfekt und musikalisch außerordentlich gelungen jetzt auch das Konzert Santanas in der seltsamerweise gerade mal zur Hälfte gefüllten Stuttgarter Schleyerhalle. Fast zweieinhalb Stunden lang zog der Musiker, der schon vor langer Zeit das Kunststück geschafft hat, gleichermaßen Popstar zu sein wie Liebling »ernsthafter« Rock- wie Jazzkritiker, routiniert (und wie stets hochfrequent Kaugummi kauend) alle Register seines Könnens.

Der knapp dreiviertelstündige Auftritt der US-Rocker Counting Crows vor Santana hat gepasst wie die Faust aufs Auge - in seiner dröhnenden 70er-Rock-Monotonie gar nicht.

Die hochpräzise und durchweg mit Stars besetzte Santana-Band bot nämlich den altersmäßig von 16 bis über 60 bunt gemischten Fans nicht nur das sprichwörtliche Hit-Feuerwerk in ebenso sprichwörtlicher CD-Qualität samt den 30 Jahre alten Klassikern »Jingo« und »Oye Como Va« vor seliger Zuhörerkulisse als Zugabe, sondern differenzierte, abwechslungsreiche und hochdynamische Lehrstückchen in Sachen Popularmusik reihenweise.

Mag sein, dass der Geist von Miles Davis, der Santana nach dessen eigener Aussage kürzlich begegnet sein soll, den Saiten-Meister und seine Mitmusiker zusätzlich beflügelt hat.

Als der Jazzer noch lebte, haben sie wirklich ein paar Mal zusammen gearbeitet, bei Santana sind seitdem immer wieder typische Miles-Ideen zu finden. Als Intro gab's die berühmte gehauchte »Martin«-Trompete jedenfalls zum leuchtend lila Licht vor überdimensionierten Batik-Tüchern - und Miles' langjähriger Bass-Mucker Benjamin Rietveld lehrte in Stuttgart bei einem fulminanten Bass-Solo die weltweite Konkurrenz das Fürchten.

Besonders herauszuheben ist auch (wieder einmal) Edel-Drummer Dennis Chambers, der bei diesem Santana-Konzert nicht nur als Solist brillierte, sondern stets groovend und mit der Präzision eines Metronoms als festes Rückgrat des komplexen Musik-Gebildes einen wirklich außerordentlich guten Job machte.

Die Band alleine wäre also für viele Lobeshymnen gut gewesen - Carlos Santana selbst dominierte aber alle mit seiner in Stuttgart wieder einmal enormen Bühnenpräsenz. Der Musiker wirkte gleichzeitig völlig entspannt und sehr bestimmt, sein Alter konnte man ihm selbst in Detail-Großaufnahmen auf den drei Video-Leinwänden nicht ansehen - und sein mittlerweile in die Pop-Geschichtsbücher eingegangener Gitarren-Ton ist legendär: Warm, voll und rund. Dass ein Gitarrist an ein, zwei Tönen zu erkennen ist, hat außer Santana im Pop-Bereich eigentlich nur B.B. King geschafft. Die Stuttgarter bekamen den orgiastischen, »singenden« typischen Santana-Sound satt. Und - das fand der Rezensent besonders erquicklich - neben den alten Superhits perfekt umgesetzte Songs aus der Gegenwart von »Supernatural«. »Put Your Lights On« oder »Maria, Maria« kamen besonders gut.

So richtig hoch schlugen die Wellen der Begeisterung bei diesem rundum gelungenen Latinpop-Familienfest aber bei den Klassikern. Schon klar.
Autor: Martin Gerner

Samstag, 27. April 2002

Eric Burdon: Rocklegende ohne Allüren

Der Mann ist ein Rockstar der ersten Stunde, keine Frage. Eric Burdon, 60, ist mit den Beatles ebenso befreundet gewesen wie mit Jimi Hendrix und längst in der »Rock'n'Roll Hall of Fame« verewigt. Der künstlerische Werdegang Burdons, vor allem mit den legendären Animals und War in den Sechzigern und Siebzigern, ist in über 100 TV-Specials dokumentiert und besprochen.

In der Reutlinger Listhalle, wo der im britischen Newcastle geborene Sänger am Donnerstagabend gastierte, zeigte Burdon sich als harter Bühnen-Arbeiter ohne jegliche Allüren. Die rund vierhundert Fans zwischen 20 und 60 bekamen ein Hit-gespicktes, kompromissloses Rockkonzert im alten Stil zu hören - und damit das, was sie offensichtlich wollten.

Aber vor Burdon und seinen sehr guten New Animals halt leider auch eine dreiviertel Stunde lang die New Yorker Keyboarderin und Sängerin Rachel Sage samt Band. Sage und ihre Begleiter spielten zwar technisch gesehen ohne Fehl und Tadel, aber die mit larmoyanter Dramatik vorgetragenen Songs nervten auf Dauer. Und wollten in ihrer Künstlichkeit gar nicht zum knochentrockenen Rock von Burdon passen. Gut die Hälfte der Konzertbesucher flüchtete ins Hallenfoyer.

Burdon, dem man sein Alter kaum ansieht, kam, sang - und hatte gewonnen. »Don't Bring Me Down«, der Bluesklassiker »CC Rider«, der ja schon mit den alten Animals zum Riesenhit für Burdon wurde - und dann »When I Was Young«: Nach diesen drei Songs waren die Reutlinger längst in allerbester Laune, klatschten und sangen die Lieder mit. Und Burdon, der Showprofi, setzte dramaturgisch noch eins drauf.

Die Reutlinger Version von »We've Got To Get Out Of This Place« geriet elf Minuten lang, und dank hervorragender Soli von New-Animals-Gitarrist Dean Rustum und Keyboarder Martin Gerschwitz auch sehr gut. Die Fans dankten es mit jubelndem Beifall.

Mit seinen neuen Animals, die zum Teil gerade mal halb so alt sind wie der dreifache Großvater, spielt Burdon seit drei Jahren zusammen. Das Tour-Pensum, das die fünf absolvieren, ist nicht nur für einen alten Rock-Herrn beachtlich. Beim Reutlinger Konzert entstand kein Takt lang der Eindruck, dass da Miet-Musiker mehr oder minder gezwungen einen großen Star im Vordergrund begleiten würden.

Vielmehr lieferte eine gut eingespielte Band aus fünf unterschiedlichen Charakteren gute Rockmusik fürs Eintrittsgeld. Das zeigte sich auch beim Über-Hit »House Of The Rising Sun« ganz am Ende des Konzerts, und besonders bei »Don't Let Me Be Misunderstood«: Der swingende Offbeat-Groove dieses Songs klang in Reutlingen besonders elegant.

Dumpf und flach tönte es dagegen wieder mal aus den an sich nicht schlechten Lautsprecherboxen: Das Tontechnik-Personal bekam (wieder mal . . .) im Reutlinger Musentempel grundsätzlich keinen guten Sound hin, verschlimmbesserte die Sache noch mit zu viel Hall. Der erstaunlich schwache Besuch hat die Akustik nicht verbessert. Vom Sound abgesehen gab's sonst aber wirklich nichts zu motzen. Vielleicht kommt Herr Burdon ja zum 65. mit seinem Orgel-Kumpel Brian Auger wieder?

Freitag, 5. April 2002

Theaterhaus-Jazztage Stuttgart: Musikalischer Gemischtwarenladen

Die selbst ernannten Gralshüter des »wahren Jazz« mögen Zeter und Mordio schreien - Zeitgeist und mehr noch finanzielle Möglichkeiten der Jazz-Veranstalter sind so, wie sie sind: Auch die renommierten österlichen Jazztage des Stuttgarter Theaterhauses präsentierten sich jetzt, bei der 17. Auflage, als musikalischer Gemischtwarenladen.

Kein durchweg mit Stars gespicktes Programm gab's diesmal an vier Abenden, sondern eine stilistisch kunterbunte Mischung, die stark auf den europäischen, speziell Stuttgarter Nachwuchs setzte, und im übrigen aus Veranstaltersicht vermeintlich »sichere« Zugnummern präsentierte. Die Reduktion an großen Namen ist nur teilweise gewollt: Weil das SDR-Fernsehen nicht mehr mitproduziert, sind die Kosten für das Theaterhaus enorm gestiegen, zudem scheint das Interesse an dem, was man landläufig unter Jazz versteht, im Moment längst nicht so groß wie vor zehn Jahren.

Vom Publikum immer wieder gern gehört und auch in Stuttgart freundlich empfangen wurde Pianistin Aziza Mustafa Zadeh. Die Musikerin aus Baku (Aserbaidschan) hat seit ihrem spektakulären Erscheinen auf der westeuropäischen Szene nichts von ihrer stilübergreifenden technischen Brillanz verloren. Den Folk ihrer Heimat vermischte sie auch jetzt wieder im Theaterhaus ohne ungewollte Brüche mit Avantgarde und afroamerikanischen Roots. Aber auch hier klang Zadehs Spiel unterkühlt bis unbeteiligt ihr Blues kam garantiert keimfrei daher.

Ganz anders Richard Gallianos Piazzolla-Programm am letzten Abend: Wie auch bei seinem Gastspiel bei den letzten Tübinger Jazz- und Klassik-Tagen verband der französische Akkordeonvirtuose technische Meisterschaft sowie tiefgehendes Piazzolla-Verständnis mit seiner eigenen musikalischen Sprache: Hochspannend.

Eher wie alte Bekannte mögen manchem dagegen Wolfgang Dauner, Charlie Mariano und Dino Saluzzi am Ostersamstag vorgekommen sein. Dieses legendäre Jazz-Trio hat Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre mit dem Live-Mitschnitt »One Night in '88« und »Pas de Trois« mächtig Furore gemacht - die Scheiben zählen heute zu Klassikern der europäischen Jazzentwicklung, das Konzert vor eineinhalb Jahrzehnten gilt als legendär. Dementsprechend laut war der Jubel über die drei, die anscheinend blindes Verständnis füreinander haben, jetzt wieder. Der Abend mit dem Stuttgarter Pianisten und Theaterhaus-Förderer seit Gründungstagen war aus Sicht der Festivalbesucher sowieso das Glanzlicht. Nicht nur mit dem berühmten Trio, auch im (viel zupackenderen, viel erdigeren) Quintett mit Albert Mangelsdorff, Eberhard Weber, Christof Lauer und Sebastian Haffner war Dauner zu hören: Eine souverän und lässig musizierende All-Star-Riege, die da im Theaterhaus -vermutlich zum Sonderpreis - ein mitreißendes Konzert hinlegte. Solo, das zeigte sich zu Beginn des Abends, reduziert Dauner sein Spiel und die Akzente immer mehr, ein »Vielschwätzer« war Dauner sowohl am Klavier wie auch verbal sowieso nie.

Neben der New Yorker Partyband »Dem Brooklyn Burns« und einem Trio des jungen schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson gab's bei den »17. Internationalen Theaterhaus Jazztagen« alte Bekannte aus der Gegend zu hören: Die Brüder Lorenzo und Franco Petrocca vermischten gekonnt wie immer Italo-Folk mit Jazz, und Drummer Daniel Messina (des öfteren in Reutlingen zu Gast) brachte mit Uli Möck und Frank Kroll argentinisch eingefärbten Jazz.
Autor: Martin Gerner

Montag, 18. März 2002

Marilyn Mazur: Meisterin der kleinen Glöckchen

Diese Perkussionistin ist schon eine Nummer für sich - Marilyn Mazur, von Miles Davis entdeckt und gefördert, war jetzt wieder mit ihrer Gruppe "Future Song" im Tübinger »Zentrum Zoo« zu Gast - und begeisterte die Besucher im ausverkauften Club mit einer einmaligen Mischung aus Power-Jazzfunk und mystischer Jazzfusion nordischer Prägung.

Am besten war die Perkussionistin selbst mit ihrem ungemein feingliedrigen beeindruckend abwechslungsreichen und sanglichen Gehämmere auf gängigem und sehr exotischem Klopf-Instrumentarium: Mazurs Musikkosmos hätte für einen vergnüglichen Soloabend gereicht.

Wer weiss - vielleicht hätte eine Beschränkung sogar was Positives gehabt? Die sechs Mitmusiker Mazurs taten nämlich des Guten eindeutig zu viel: In den hoffnungslos überfrachteten Jazzfunk-Teilen des Konzerts konnten sich Mazur und Co. kaum von klischierten Miles-Tones lösen, die ruhigeren Stücke blieben irgendwo zwischen Nils Petter Molvaers »Khmer«-Klangästhetik und nordischen, von Garbarek beblasener Fjord-Einsamkeit in der Beliebigkeit stecken. Ein tolles Konzert war's trotzdem - Marilyn sei Dank!
Autor: Martin Gerner

Dienstag, 29. Januar 2002

Ringsgwandl: Schräger Spötter

Nach längerer Pause zeigte sich Georg Ringsgwandl, (auch) so etwas wie ein Karl Valentin unter den deutschen Rockmusikern, jetzt wieder einmal in Tübingen. Das Konzert in der bestuhlten Mensa Wilhelmstraße war gut besucht.

Drei Jahre lang gab es nichts vom bayerischen Schräg-Rocker zu hören, und das Album, mit dem er an wenigen Terminen pro Monat unterwegs ist, hat auch bald schon wieder ein Jahr auf dem Buckel. Einer wie Ringsgwandl, der auch in Tübingen auf eine feste, gewachsene Fangemeinde bauen kann, mag es sich leisten können, auf gängige Veröffentlichungsstrategien - Faustregel: eine Platte plus Tour pro Jahr - zu verzichten.

Zumal, wenn er dann so erwachsene, gut gemachte Rockmusik abliefert. Noch nie haben Ringsgwandl und seine Musiker so souverän geklungen, noch nie gab's in Tübingen ein musikalisch reiferes Ringsgwandl-Konzert zu erleben.

Natürlich verzichtet der Chef nicht auf ausgedehnte, kabarettistisch-satirische Einlagen, lässt wie früher aus Alltagsbegebenheiten das nackte Chaos wachsen etwa bei einer trockenen Schilderung eines hanebüchenen Urlaubserlebnisses.

Aber: Angesichts der Klasse, die Ringsgwandl und seine Musiker Martin Thalhammer (Bass), Herbert Thaller (Schlagzeug) und allen voran der exzellente Slide-Gitarrist Nick Woodland als Musiker zeigen, angesichts der atmosphärischen Dichte, die Ringsgwandl im »Brucknwirt«, »C 'est la vie« oder »Weggehn« als Songschreiber erreicht, wirken die reinen Wortbeiträge im Vergleich blass.

Ganz zarte, luftige, weitgehend »akustisch« klingende Rockmusik zwischen Rock 'n' Roll, Country und Blues macht dieses großartige Quartett. Drei Jahre lang haben sie sich - so will es die Legende - abends um den Küchentisch gesetzt und geschrammelt, bis alles Überflüssige von den Songs abgefallen war.

»Gache Wurzn«, so der Titel der aktuellen CD und auch der Tour, zeigt einen schrägen Spötter, der sich vom nervös-schrillen Punk zur zurückgelehnt musizierenden Songwriter-Größe gemausert hat: Die zeitlos schöne, klassische Rockmusik - der Berichterstatter hat sich oft an J J Cale erinnert - kam auch bei den Tübinger Konzertbesuchern hervorragend an.
Autor: Martin Gerner

500 von 5000

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